Eine Bergwanderung

eine kurze Erzählung, die ich wiedergefunden, und wieder abgetippt habe

Eine Bergwanderung:
von mir bereits 1985 aus dem Schwedischen übersetzt.
Aus einem Roman von Rolf Edberg:
Spillran av ett moln. (Rest einer Wolke)
Es ist eine sehr freie Übersetzung, weil Rolf Edberg ursprünglich
eine Wanderung mit seinem Sohn beschreibt und in Wir-Form erzählt.
Ich habe daraus eine Ich-Erzählung gemacht, und 1985 verwendete
ich diesen Text als Anlage zu meinem Antrag auf
Kriegsdienstverweigerung. Ich las ihn in der Verhandlung vor.
Die Wirkung dieses poetischen Textes spüre ich immer noch.
Kann es sein, dass er immer noch zeitgemäß ist ?

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Eine Bergwanderung

Ich steige von Memurubu aus Russhalsen hinauf.
Unter mir Gjende, dunkelgrün.

Das Gebirge von der Südseite spiegelt sich blau-schwarz im Wasser.
Die Sonne strahlt, obwohl es noch früh am Morgen ist.

Gestern hatte es noch geregnet.

Vielleicht ist es nur eine Einbildung, aber ich denke immer,
dass der Vogelgesang an einem Sonnenmorgen nach Regentagen lebhafter ist.

Dass auch die Farben der Landschaft reiner sind,
und die Erde stärker duftet.

Die Armbanduhr habe ich in meinem Rucksack versteckt,
– sie soll die Zeit nicht zerhacken.

Ich will die Zeit genießen, jeden Augenblick für sich selbst sein lassen.

In so einem Augenblick kann es geschehen,
daß man über die Ganzheit des Lebens nachdenkt.

Man ist entbunden von all den kleinen Alltagsproblemen,
den speziellen Dingen des Alltags.

Ich gehe entlang dem Russwasser.
Als ich mich umdrehe, sehe ich wie die Wolken ihr Spiel über Blaabreen
und Styggebretindan treiben.

Das ist Jotunheimen, das „Heim der Riesen“.

Ein sehr passender Name,
der ein Bild der eisigen Zinnen hoch über die hektische Menschenwelt gibt.

Natürlich:
Wenn ich hier meine Eindrücke in Worten wie „Riesenheim“ ausdrücke,
dann handelt es sich um ein erdgebundenes Maß.

Es ist ein subjetiv richtiges Maß, dass mein Erleben wiedergibt.

Aber das Spiel der Wolken kann ebenfalls einen veranlassen,
einmal die Perspektive zu verkehren.

Da schrumpfen die Zinnen des Riesenheims.

Der Erdradius ist, erinnere ich mich, 6400 Kilometer.
Von den höchsten Gipfeln oder vom Meeresspiegel
ist der Abstand fast der gleiche.

Abweichungen, – diese Abweichungen, die mich an Riesen denken lassen,
– sind aus einem globalen Blickwinkel gesehen verschwindend.

Schon für Astronauten, die in ihrer Kapsel den Globus umkreisen,
sind die Täler und funkelnden Bergspitzen zu einer Masse verschmolzen,
ohne wahrnehmbare Niveauunterschiede.

Alles, was für uns von Bedeutung ist, das Leben,
spielt sich in einer hauchdünnen Schicht ab, die die Erde überzieht.

Unter uns brodelnd heisse Lava.

Über uns die Kälte des Weltalls, die ungedämpfte Strahlung.
Vom Standpunkt des organischen Lebens: Zwei Todesreiche.

Wir leben in einem schmalen Grenzland zwischen zwei Todesreichen.

Aber,- als ob es nicht genug wäre, –
sind wir dabei einen dritten Tod zu ermöglichen:
den des kollektiven Selbstmordes.

Ich lausche in die Stille,- und höre das Echo von jungen uniformierten
Männern, die rund um den Globus marschieren.

Gelbe, braune, schwarze und weiße Soldaten.

Alle mit der gleichen robotermässigen Gangart.
So ist es ja schon immer gewesen.
Szenen der menschlichen Geschichte, die sich wiederholen.

Freund und Feind haben gewechselt,
aber neue junge Männer setzen gehorsam das uniformierte Marschieren fort.

Zweimal erlebten meine Großeltern,
dass dieses Marschieren in einen Weltkrieg führte.

Das letzte Mal war es ein kleiner Gefreiter
mit einem eigenartig ausgestreckten Arm,
der die Lunte zündete und das Pulverfass zum Explodieren brachte.

In kurzer Zeit waren alle Kontinente, selbst die abgelegensten
Inseln des Ozeans in einer Massenschlacht verwickelt.

Menschen aller Farben schlugen sich an wechselnden Fronten,
oft ohne zu wissen gegen wen, selten für was.

Fünfzig Millionen Menschen haben nie erfahren, wer gewonnen hat,
– wenn überhaupt jemand gewonnen hat.

Man errichtete Denkmäler für die Toten,
bekränzte neue Gräber für unbekannte Soldaten,
und dann entdeckte man,
dass man gegen die falschen Feinde zu Felde gezogen war.
Ehemalige Feinde wurden Verbündete,
ehemalige Verbündete wurden Gegner.

Und das Marschieren setzte sich fort.

Und es setzt sich immer noch fort.

Aber etwas Neues ist ja dennoch hinzugekommen:
Der Giftpilz, der sich hoch über Wolkenkratzer erhebt,
ja sogar über das Riesenheim, dort wo ich jetzt wandere.
Unmöglich ihm auszuweichen, – nicht einmal in dieser Einsamkeit.

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