Naziführer machte eine Kehrtwende

Dagens Nyheter 18.Juni 2000

von Christina Kellberg
Übersetzung aus dem Schwedischen: Olaf Swillus

Etwas ist geschehen in Karlskrona. Vor einem halben Jahr war die Stadt eine Hochburg der jungen Nazis. Im Dezember des letzten Jahres besuchte Christina Kellberg von Dagens Nyheter diese Stadt, die das Zentrum der Nationalsozialistischen Front NSF geworden war. Der Führer Anders Högström hatte sich zu dieser Zeit gerade von der Bewegung losgesagt.

Nun hat Christina Kellberg Karlskrona erneut besucht. Das NSF beginnt zu bröckeln. Und Anders Högström steht in einer Schule und warnt Schüler vor dem Nazismus.

Nun stand er vor 500 Schülern, hatte das Mikrofon in der Hand. Die Schüler saßen schweigend auf dem Boden der Turnhalle. Erwartungsvoll. Was sollte Anders Högström zu ihnen sagen, er, der vor einem halben Jahr als Leiter der NSF, der Nationalsozialistischen Front, ausstieg?

Er erzählte den Schülern über Gemeinschaft mit schönen Zeltlagern, Konzerten und Treffen. Er erzählte, dass er und Andreas Axelsson darüber diskutiert hatten, wie sie Geld für ihre Organisation beschaffen sollten. Wie er später im Fernsehn zwei Polizisten, zwei Väter, sah, ermordet durch einen Schuss in die Stirn und in den Nacken.

Verdammt, da stehe ich nicht hinter!“dachte er, als er die Zusammenhänge begriff.

Das geschah in der Rödeby-Schule bei Karlskrona am 19. Mai, einem warmen und schönen Tag. Der Rektor Leif Peterson hatte die Initiative zu einem Thementag über Rassismus und Nazismus ergriffen, nachdem die Schule einige Wochen zuvor mit Nazi-Plakaten, Spuckis und Hakenkreuzen verunstaltet worden war.

Anders Högström hatte nun einen grossen Schritt getan. Vielleicht grösser als den, den er als 13-Jähriger tat, als er an den Schulbänken ein Bild von Hitler und marschierenden Soldaten klebte. Er war fasziniert von der Ordnung und Disziplin des Nazismus.

Das NSF hatte schon seit Beginn 1994 seine Hochburg in Karlskrona gehabt. Aber als die vier grossen Großstadt-Zeitungen am 30. November letzten Jahres die Namen von 60 aktiven Nazisten veröffentlichte, begann der NSF in Karlskrona zu bröckeln.

Heute ist Anders Ärleskog der einzige in der Leitung, der noch in der Stadt wohnt. Er wird Reichsleitungs-Vereinsmann und Ökonomie-Chef genannt, ist arbeitslos, und widmet seine ganze Zeit dem NSF und zog neulich nach Rödeby.

Die Polizei vermutet, dass er mindestens 5 Jugendliche aus der Gegend geworben hatte, und Lokalpolizist Stefan Hedén verhört nun wegen der Naziplakate an Schulen, Pizzerien und an einigen Privatautos.

Für die NSF ist Karlsfrona die Stadt, wo die Bewegung geboren wurde. Deshalb ist es von grosser Symbolkraft, dass die Reichsleitung sich dort noch befindet, selbst wenn nur noch einer von ihnen in dieser Stadt wohnt.

Anfang Dezember letzten Jahres, gab es eine Trojka mit Anders Högström an der Spitze. Er war der Führer der NSF und war es von Anfang an gewesen. Björn Björkqvist war Propaganda-Chef und Anders Ärleskog kümmerte sich um die Ökonomie.

Aber Anfang Dezember stieg Anders Högström aus. Während des Frühjahrs nahm Björn Björkqvist Frau und Kinder und zog zu den Eltern auf Gotland. Er wurde „ausgehungert“ mit den Regeln, die Kommunalrat Björn Fries einführte: kein Sozialbeitrag ohne Gegenleistung.

Heute steht der NSF immer noch ohne Führer da und drei von den vier, die die Leitung bilden leben jetzt woanders.

Es geschah etwas sehr merkwürdiges im November letzten Jahres. Der NSF-Leiter Anders Högström rief Kommunalrat Björn Freis an.

Er wollte, dass sie sich treffen und reden sollten.

Der Führer einer Organisation, die einen Kommunalrat verspottete, bedrohte, beleidigte und verfolgte, der für die Demokratie einstand, dieser Führer wollte nun mit seinem Feind sprechen.

Und Björn Fries war, absurd genug, froh, denn das Ziel war

Versöhnung gewesen, dass Nazisten zur Gesellschaft zurückfinden. Sie bestimmten Zeit und Platz. Sie wollten sich an einem frühen Morgen im Hafen sehen.

Anders Högström kam dorthin. Aber nicht Björn Fries. Die Sicherheitspolizei (SÄPO) hatte ihm den Rat gegeben nicht Anders Högström zu treffen. Als Högström unten am Hafen stand, rief Fries an, und sagte, dass er verhindert sei.

– Ich fühlte mich wie ein Betrüger, sagt Björn Fries heute.

Aber die erste Woche im Dezember rief Björn Fries ihn an, und sie trafen sich. Anders Högström erzählte von seinen Plänen auszusteigen. Björn Fries versprach sich an seiner Seite stellen. Sie versprachen sich, das keiner den anderen verpfeifen würde.

Anders Högström brauchte Hife für sein neues Leben, zurückzufinden, in eine Ausbildung zu kommen, die Chance seinen Führerschein zu machen. Er brauchte jemanden, an den er sich anlehnen konnte.

So begann eine neue Zeit für Anders Högström und eine neue Zeit für das NSF.

Björn Fries begann Übungsfahrten mit Anders Högström und während dieser Fahrten sprechen sie über Werte Politik, Job und Zukunft.

Anders Högström hat gesagt, dass er eines Tages in der Zukunft mit Jugendlichen arbeiten will, die sich in der Risikozone befinden, solchen, die von dem angelockt werden, was eine Organisation wie die NSF bieten kann.

Björn Fries hat gesagt, dass es sicherlich möglich sei. „Aber nicht bevor du ganz deutlich machst, wo du stehst.“

Und das zeigte Anders Högström, als er am 19. Mai in der Turnhalle der Rödeby-Schule stand.

Aber die Wirklichkeit ist weder Schwarz noch Weiss und das weiss Björn Fries mehr als gewiss. Er weiss, dass der Kampf nicht gewonnen ist, weil er mit dem früheren NSF-Führer Übungsstunden fuhr. Er weiss, dass der NSF Gegenfeuer legt.

Die Kommune konnte im Frühjahr 10 NSF-Internetseiten sperren, aber neue tauchen immer wieder auf. Anders Ärleskog wird von NSF’lern in Skåne und Stockholm und aus Deutschland unterstützt.

– Sie tun alles, damit das NSF nicht aus Karlskrona verschwindet, sagt Björn Fries.

– Aber wir hatten mit unserer Taktik teilweise Erfolg. Es soll so beschwerlich sein Nazist in Karlskrona zu sein, dass sie umziehen. Verschwinden insbesonders die Führer, so schwindet auch die Bewegung.

– Und das beste von allem ist, dass wir ein Bürgeraufstand bekamen. Schüler organisierten eine grosse Anzahl von Friedensmärschen und zeigten, dass sie sich nicht mit einem nazistischen Menschenbild identifizieren wollen. Sich nicht länger mehr vor ihnen ducken, wie sie es noch vor einem Jahr machten.

Was dachte Anders Högström an diesem Tag im November, als er Björn Fries anrief ?

Er windet sich und dreht seinen wohltrainierten Körper. Er, der die NSF’ler unterstützte und anfeuerte mit geladenen Reden, hat es
schwer Worte zu finden. Es gefällt ihm nicht, interviewt zu werden.

– Es war nicht etwas, wozu ich plötzlich bereit war. Ich dachte über ein halbes Jahr über meinen Ausstieg nach, und ich brauchte Hilfe um zurück zu kommen.

– Während meiner Zeit in der Bewegung repektierte ich Björn mehr als andere. Ich war nicht begeistert über seine Ansichten, aber er stand für sie ein. Er wich niemals aus, wie hart er auch angegriffen wurde. Das respektiere ich.

– Ich habe viele Menschen kennengelernt, die gegen
die Werte waren, die ich hatte. Aber schrie man sie an, so schwiegen sie.

Und was dachtest Du als er nicht zu euerem abgesprochenen Treffen im Hafen kam ?

– Wir sahen ihn ja als einen Verräter, der vom Planeten entfernt werden sollte. Dass er misstrauisch gegen mich war, ist ja begreiflich.

Er sagt, dass Björn Fries ein guter Kamerad ist, einer dem er vertraut.

– Und er hat mir nie gesagt was ich tun sollte. Diese Schritte hatte ich selbst zu gehen.

Nun lernt er im Gymnasium und beginnt in diesen Tagen mit seinem Sommer-Job.

Er will mit Jugendlichen arbeiten, die Probleme haben, und ist geschmeichelt und stolz darüber, dass es Menschen gibt, die ihm vertrauen, „trotz allem“.

– Ich habe Erfahrung. Ich weiss welchen Kick es geben kann, viele zu sein und gleich zu denken. Wie es zusammenschweissen kann, wenn die Umgebung einen dafür hasst, dass man falsche Ansichten hat. Je mehr die Umgebung einen verurteilt, desto stärker fühlt man sich.

Es war ein grosser Schritt den Anders Högström am 19. Mai tat. Er und Björn Fries sprachen am gleiche Morgen miteinander.

„Nun werde ich zu Rödeby-Schule gehen, und mit den Schülern dort sprechen. Bist Du mit dabei ?“

Anders Högström kam mit. Keiner an der Schule wusste, dass er kommen würde. Wenige erkannten ihn wieder.

Als Björn Fries sprach, nahm Anders Högström das Mikrofon. Jedes Wort kam langsam, fiel wie Steine, erzählt Björn Fries.

Als er fertig gesprochen hatte, wurde es totenstill. Dann kam der Applaus, lang und kräftig.

Anders Högström drehte sich zu Björn Fries, der sah, dass er gerührt war.

„Was soll ich damit machen ?“ sagte er und hielt das Mikrofon vor. Nach dem Treffen in der Rödeby-Schule schickte das
NSF einen Brief an alle seine Mitglieder, in dem stand dass Anders Högström Hochverrat begangen hätte. Auf Hochverrat stehe die Todesstrafe. Aber Anders Högström ist nicht ängstlich.

Kleine Vögel zwitschern in mein Ohr, dass sie denken, ich sei ein grosser Idiot. Da denke ich: Wie klug waren sie, die sich von einem so grossen Idioten wie mich leiten liessen ?

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