Leserbrief an die WAZ

Leserbrief von Heinz-W. Hammer (Essen)

Essen, d. 05.04.11

Betreff: »Eine Straße für Stalins Poeten – Wie der „Arbeiterdichter“ und hochdekorierte DDR-Funktionär Hans Marchwitza beinahe im Uni-Viertel geehrt worden wäre«, von Frank Stenglein, NRZ Essen, 05.04.2011

Was täten wir nur ohne die kommunale CDU und den örtlichen Herold der politischen Rechten, F. Stenglein? Unterwandert würden wir, kommunistisch-terroristisch indoktriniert durch von Linksaußen-Agenten Stalins und des Teufels iniitierte Straßenbenennungen. Da schaudert es den deutschen Kleinbürger. Doch die nie erlahmende Wachsamkeit des stets auf schnaubendem Rosse sitzenden Weißen Ritters Sir Stenglein hat uns noch mal so eben gerettet.

Denn was wäre das für eine politische Katastrophe gewesen, wenn es in Essen (endlich) eine nach dem Arbeiterschriftsteller Hans Marchwitza benannte Straße gäbe, noch dazu auf dem Territorium des Geistes, der Unvoreingenommeheit und der Intelligenz, dem Uni-Viertel.

Ganz in der Tradition der Springerpresse, die die DDR grundsätzlich in Anführungsstrichen schrieb, setzt auch Stenglein dieses Mittel bei den Begriffen Arbeiterdichter und Arbeiterdichtung ein, um dem Literaten damit zugleich posthum seine künstlerische Identität zu rauben – was für ein journalistisches Ethos!

Zwar kommt selbst Stenglein nicht umhin, zumindest den Titel eines Buches von Marchwitza in Klammern zu erwähnen (»Sturm auf Essen«). Ansonsten aber ergeht er sich in übelsten Beschimpfungen des Dichters, ohne auch nur ansatzweise der Leserschaft sein Werk zu erläutern.

Ihm, dem Arbeiterliteratur bedrohlich erscheinen mag, dem Geschichtslehrer und CDU-Ratsherrn Schippmann und den Verwaltungsbürokraten (»Die Stadtverwaltung hätte uns warnen müssen, wir haben doch gar nicht das Fachwissen« …!) seien daher also einige Dinge ins Stammbuch geschrieben:

Marchwitza kam 1910 aus Oberschlesien in das Ruhrgebiet, arbeitete unter härtesten Bedingungen als Bergmann und begann 1922 zu schreiben. In dem Roman, um den auch Stenglein nicht herumkam(»Sturm auf Essen«), geht es um den wahrlich ruhmreichen Kampf der Roten Ruhr-Armee gegen den Kapp-Putsch. Wie in diesem, so handelten auch seine weiteren Bücher (bspw. »Die Kumiaks«) vom Leben und Kampf der »kleinen Leute«. Marchwitza war Mitglied er KPD und des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und als solcher Objekt der Verfolgung durch die Faschisten nach der Machtübergabe 1933. Es folgte das tragische Schicksal vieler Antifaschisten – Emigration und Odyssee über die Schweiz, Frankreich und USA. Rückkehr 1946 nach Deutschland, Stuttgart, und 1947 Potsdam.

Der Leipziger Professor Dr. Alfred Klein schreibt über ihn, »hat der Schriftstellerkumpel mit „Meine Jugend“, „Sturm auf Essen“ (…) etwas Einzigartiges für die erzählerische Weitergabe der Menschenschicksale im Ruhrgebiet geleistet – für die dortigen Leser sowieso, aber eben darüber hinaus für das deutsche Publikum überhaupt.« (Zitat und weitere biographische Angaben nach: Paul Sielaff in: »RotFuchs«, 08-2010)

Wie man sieht, ist die Beschäftigung mit (guter) Literatur doch etwas umfassender als es uns Herr Stenglein weismachen will (»eine zweiminütige Google-Recherche im Internet« / Product Placement inclusive…). Er scheint bei der von ihm mit Wonne betriebenen Hofberichterstattung für Krupp, Beitz et alii tatsächlich besser aufgehoben als bei der Beschäftigung mit progressiver, antifaschistischer und proletarischer Literatur.

Auch, wenn Rechtsausleger wie Stenglein täglich daran arbeiten: »Mit Recht in Essen vergessen« sind weder Hans Marchwitza noch die fortschrittliche Arbeiterkultur oder der antifaschistische, proletarische Widerstand. Und hierbei geht es sowohl um die Beschäftigung mit der Vergangenheit wie um die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft.

Darauf, Herr Stenglein, um es umgangssprachlich zusammen zu fassen, können Sie einen lassen.

Heinz-W. Hammer (Essen)

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